Flussgenuss – Vom Burgund in die Provence
Es berichtet für Sie:
Georg Wieser
Anreise
Die Reise begann in Horw bei Regen, aber im Gepäck hatten wir unseren Sonnenschein: die Vorfreude und die Aussicht auf abwechslungsreiche Velo-Tage. Schon die Anreise vermittelte das Gefühl, dem Alltag Schritt für Schritt zu entfliehen. In Lyon angekommen, spürten wir sofort die besondere Lage der Stadt am Zusammenfluss von Rhône und Saône. Die lebendige Atmosphäre, die historischen Fassaden und die vielen Brücken stimmten uns auf die kommenden Tage ein.
Während des täglichen Meetings vor dem Nachtessen in der Panorama-Lounge blickten die Velo-Guides jeweils auf den Tag zurück und erklärten ausführlich die Tour des folgenden Tages.Der Welcome-Drink auf der Amadeus Provence liess so richtig Ferienstimmung aufkommen. Nach einem feinen Nachtessen hiess es dann schon: Leinen los! So konnten wir entweder auf dem Panoramadeck Lyon in stimmungsvoller Abenddämmerung bewundern oder in der Pianobar den Anreisetag bei einem kühlen Drink ausklingen lassen.

Von Mâcon nach Cluny
Von warmen Sonnenstrahlen geweckt und nach einem vielfältigen und reichhaltigen Frühstück trafen wir Constantin, unseren Busfahrer, der bereits mit den Velos im Anhänger am Hafen von Mâcon bereitstand. Der Velo-Ablad hatte System und erfolgte routiniert. Guide Georg hatte sämtliche Velos mit Namensetiketten beschriftet. Natürlich kennt jeder sein Velo, aber dies erleichterte das gegenseitige Kennenlernen und die Zuordnung der Velos. Nach einer kurzen Kontrolle des technisch einwandfreien Zustands der Velos (Luft in den Pneus, Bremsen, Licht, Trinkwasser) machten wir uns unter der Anleitung von Guide Georg mit Aufwärm- und Dehnübungen fit für den Start.
Die erste Fahrradetappe führte von Mâcon nach Cluny. Auf der Voie Verte, einer ehemaligen Bahnstrecke, liess es sich angenehm und entspannt fahren. Die Landschaft wechselte zwischen Reben, Wiesen, kleinen Dörfern und sanften Hügeln. Das vom Schiff bereitgestellte Lunchpaket genossen wir im Schatten des Klostergartens. Cluny beeindruckte uns besonders mit seiner mächtigen, im Jahr 910 gegründeten Klosteranlage. Die Abtei entwickelte sich bis ins 12. Jahrhundert rasant und mehr als 1000 Klöster in ganz Europa waren ihr unterstellt. Die Abtei von Cluny wurde zum Sitz der grössten Klostergemeinschaft der westlichen Welt – des Cluniazenserordens. Der langsame Niedergang, die Zerstörung und der Wiederaufbau zum heutigen Museum sind beeindruckend und vermitteln den Geist sowie die bewegte Geschichte dieses Ortes. Nach der ersten Etappe fühlten wir uns endgültig auf der Reise angekommen.
Um 18.00 Uhr hiess es: Leinen los! Weil die Gruppe von Anfang an harmonierte, offerierte Guide Georg zum Abendmeeting einen feinen Petit Chablis. Mit dem Nachtessen liessen wir den heutigen erlebnisreichen und unfallfreien Velo-Fluss-Genuss-Tag ausklingen.

Von Chalon-sur-Saône nach Beaune
Die zweite Etappe brachte uns von Chalon-sur-Saône in Richtung Beaune. Chalon-sur-Saône war bereits 52 v. Chr. eine römische Garnisonsstadt und ist heute nach Dijon die zweitgrösste Stadt im Burgund. Sie zeigte sich mit schönen Uferbereichen und einer angenehmen Altstadt. Zudem ist sie Endpunkt des Canal du Centre. Wir sahen die imposante Cathédrale Saint-Vincent und fuhren anschliessend durch die berühmten Weinlandschaften der Côte de Beaune. Die Dörfer, die Rebberge und die gepflegten Häuser wirkten wie aus einem Bilderbuch.
Die Foto-, Trink- und kurze Pause im bekannten Weindorf Meursault nutzten wir auch für kurze Informationen über den Weinbau im Burgund. Wir erfuhren, was ein Clos ist, was die Produktion eines hervorragenden Weins beeinflusst und welche wesentliche Grundlage das Terroir dafür bildet. Den Weingenuss mussten wir als sportliche Radler jedoch auf das Abendessen vertagen. Vorerst wurden die Velos im Anhänger verstaut. Dann besichtigten wir das angenehm kühle Museum und liessen uns das umfassende Wissen über Wein näherbringen. Anschliessend ging es nach Beaune, ins Herz des Burgunderweins und zu einem weiteren Höhepunkt. Besonders die Altstadt und das bekannte Hôtel-Dieu machten den Aufenthalt unvergesslich. Wir verzichteten auf das angebotene Lunchpaket, genossen stattdessen die lokalen kulinarischen Spezialitäten und erkundeten die Stadt auf eigene Faust. Das Tagesziel war damit erreicht: Bei herrlichstem Wetter und 30 Grad radelten wir rund 45 km, bewältigten dabei 260 Höhenmeter und waren bei einem Durchschnitt von 18 km/h rund drei Stunden im Sattel. Mit dem Bus fuhren wir zurück zum Schiff, das in Tournus auf uns wartete. Um 19.00 Uhr hiess es: Leinen los in Richtung Lyon. Nach dem Abendmeeting gab es wiederum Feines aus der Bordküche. Für die Nimmersatten gab es noch kleine Spätabendhäppchen – mmmh.

Stadtrundfahrt in Lyon
In Lyon stand eine Stadtrundfahrt auf dem Programm. Vom Frühstück gestärkt, fuhr die erste Gruppe um 8.15 Uhr vom Hafen in Lyon los. Am Quai entlang ging es vorbei am Olympiaschwimmbad, das zwar nie für Olympische Spiele genutzt wurde, aber noch heute einen hohen symbolischen Wert hat, bis in den Parc de la Tête d’Or. Er ist der grösste und bekannteste Park der Stadt und erstreckt sich über 117 Hektar. Der Park wurde 1857 eröffnet und ist ein beliebtes Ziel für Erholung und Freizeitgestaltung in der Stadt. Ursprünglich war er als Erholungsort für die Arbeiter der Seidenweberei gedacht. Wir fuhren weiter in die typische Altstadt Lyons und sahen die Cathédrale Saint-Jean sowie die Traboules. Wir erkannten, dass Lyon auf eine 2000-jährige Geschichte zurückblickt und zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Die vielen Restaurants zeigten auch, warum Lyon als gastronomische Hauptstadt Europas bezeichnet wird.
Die Basilika Notre-Dame de Fourvière und eine Nachbildung des Eiffelturms thronen über Lyon. Eindrucksvoll sind auch die Oper und das prächtige Rathaus am Place des Terreaux, wo sich der 360 Tonnen schwere Bartholdi-Brunnen befindet. Die Stadt hat uns mit ihrer Mischung aus Geschichte, Kultur und urbanem Leben sehr gefallen. Besonders eindrucksvoll waren die Altstadt, die Hügel mit ihren schönen Ausblicken sowie die Lage zwischen Rhône und Saône. Lyon ist nicht nur eine grosse Stadt, sondern auch ein Ort des Genusses. Die Bouchons, die Märkte und die lebhaften Gassen gaben der Reise eine kulinarische und kulturelle Note. Als wir zum Schiff zurückkehrten, hiess es bereits: Leinen los in Richtung Avignon. Alle Teilnehmenden genossen den Nachmittag auf dem Sonnendeck oder beim entspannten Nichtstun.


Von Avignon zum Pont du Gard
Wiederum nach einem reichhaltigen Frühstück wartete Constantin am Pier von Avignon auf uns und gemeinsam entluden wir die Velos. Dann führte uns die nächste Etappe zum Pont du Gard. Avignon beeindruckte schon vor dem Start mit seiner Stadtmauer, dem Papstpalast und dem südfranzösischen Flair. Auf dem Fahrrad verliessen wir die Stadt und tauchten in die Landschaft der Provence ein. Begleitet vom lauten und monotonen Konzert der vielen Grillen, von der heissen Sonne des Südens und auf staubigen Naturwegen bewältigten wir Kilometer um Kilometer. Bei einer kurzen Pause genossen wir eisgekühltes «Eau à la menthe». Gegen Mittag erreichten wir den Pont du Gard, unser sehr eindrückliches Ziel. Das römische Aquädukt – eine Wasserleitung – steht majestätisch über dem Gardon und zeigt, welche Baukunst schon vor vielen Jahrhunderten möglich war. Das dreistöckige Bauwerk ist sagenhafte 49 Meter hoch. Wenn man es vor sich sieht, wächst die Bewunderung für die statische Meisterleistung dieses um 19 v. Chr. errichteten Bauwerks. Die Wasserleitung diente der Wasserversorgung der Stadt Nîmes und war 50 km lang. Dieser Tag verband Natur, Geschichte und Sonne auf besonders schöne Weise.
Unser Lunchpaket genossen wir im Park vor dem Pont du Gard, sodass wir das monumentale Bauwerk länger bewundern konnten. Mit dem Bus ging es zurück nach Avignon. Dort hatten wir noch etwas Zeit, um die ehemalige Stadt der Päpste auf eigene Faust zu entdecken. Das Tagesziel erreichten wir auch heute bei bester Moral und Gesundheit. Unter der heissen Sonne der Provence und bei herrlichstem Wetter mit gut 33 Grad radelten wir rund 42 km, bewältigten dabei 150 Höhenmeter und waren bei einem Durchschnitt von 18 km/h rund zweieinhalb Stunden im Sattel. Um 19.00 Uhr hiess es in Avignon: Leinen los! Danach folgte ein feines Diner – so sehen Fluss-Genuss-Ferien aus …


Von Arles durch die Camargue nach Saintes-Maries-de-la-Mer
Wir starteten nach dem Frühstück wiederum am Quai und überquerten auf einer imposanten Brücke die Rhône. Arles zeigte sich mit römischen Spuren, südlicher Atmosphäre und viel Geschichte. Auf der Etappe von Arles durch die Camargue nach Saintes-Maries-de-la-Mer erwartete uns ein ganz anderes Landschaftsbild. Die Landschaft wurde weit und offen. Wasserflächen, Schilf, Salzgebiete und die besondere Tierwelt der Camargue begleiteten uns. Wir konnten Flamingos, weisse Pferde und Stiere sehen. Durch flache, steppenartige Ebenen, vorbei an Reisfeldern und Lagunen und mit dem Mistral im Rücken traten wir so richtig in die Pedale und liessen unsere Velos mit bis zu 25 km/h laufen. Unser lokaler Guide Sébastien warnte uns vor den lästigen Stechmücken, die aber entweder wegen des Windes oder unserer Geschwindigkeit überhaupt nicht zu sehen waren. Kurz vor Mittag erreichten wir die Manade Cavallini. Wir wurden von Joël, dem Züchter typischer Camargue-Rinder, empfangen. Er fuhr uns mit dem Traktorwagen zu einer seiner Herden. Sehr eindrucksvoll erklärte er uns die Aufzucht und Pflege der schwarzen Rinder. Er zeigte uns, wie die Stiere vom Pferd aus zu sportlichen Läufern für die Arena ausgebildet werden. Er erklärte uns auch die Course camarguaise. Bei dieser Sportart geht es darum, Trophäen von der Stirn und den Hörnern eines Stieres zu entfernen, was nach einem Punktesystem bewertet wird. Dabei stehen sich im entscheidenden Moment jeweils ein «Raseteur», ein sogenannter Stierstreifer, und der «Cocardier», ein eine Cocarde tragender Camargue-Stier, gegenüber. Der Sport zählt zum immateriellen Kulturerbe Frankreichs. Der Camargue-Stier unterscheidet sich vom spanischen Stier durch die Form seiner Hörner. Das Zuchtziel ist die Course camarguaise, ein unblutiger Stierkampf. Anschliessend genossen wir auf der Manade ein traditionelles Camargue-Mittagessen. Dazu wurden lokale Weine ausgeschenkt.
Unser nächstes Ziel war Saintes-Maries-de-la-Mer. Der Ort brachte uns ans Mittelmeer und vermittelte ein starkes Gefühl von Weite und Freiheit, das unter die Haut ging. Viele unserer Gäste nutzten die Gelegenheit für ein erfrischendes Bad im Salzwasser oder ein kühles Bierchen in den bunten Bars und Restaurants. Mit dem Bus ging es zurück nach Arles. Um 19.30 Uhr hiess es dann: Leinen los in Richtung Châteauneuf-du-Rhône.


Von Châteauneuf-du-Rhône nach Le Pouzin
Aufgrund des straffen Fahrplans unseres Schiffes und der weiten Anreise nach Vallon-Pont-d’Arc entschieden wir in Absprache mit den Gästen, die sechste Etappe unserer Veloferien von Châteauneuf-du-Rhône nach Le Pouzin umzuplanen. Auch bereitete die zunehmende Hitze von bis zu 37 Grad einigen Gästen eher Mühe. Also fuhren wir auf der legendären ViaRhôna, einem internationalen Fahrradweg von der Rhônequelle bis nach Saintes-Maries-de-la-Mer, in umgekehrter Richtung nach Norden. Entlang der Rhône erlebten wir nochmals eine andere Seite Südfrankreichs. Der Fluss war unser ständiger Begleiter, mal ruhig und breit, mal von Wind und Landschaft geprägt. Die Strecke bot schöne Ausblicke, kleine Orte und immer wieder Gelegenheit, das Tempo zu drosseln und die Umgebung zu geniessen. Einen Kaffeehalt machten wir in Montélimar, der Heimat des weissen Nougats. Leider reichte die Zeit nicht für einen Besuch in einer Manufaktur, aber sicher nahmen einige Gäste diese süsse Verführung für ihre Liebsten mit nach Hause.
Wir fuhren weiter. Beim Château de Rochemaure legten wir einen Fotohalt ein und bestaunten, wie verwegen die Stadtmauern und Verteidigungstürme über den Felsen aufragten. Ohne mit der Wimper zu zucken, fuhren wir dann über die «Passerelle himalayenne» – eine Hängebrücke für Velofahrer, auf der wir schaukelnd die Rhône überquerten. Dieser Adrenalinkick wird einigen Gästen in bester Erinnerung bleiben. In Le Pouzin angekommen, gönnten wir uns eine kurze Pause, da wir auf das Schiff warten mussten. Leider kam es auf dem letzten halben Kilometer zum zweiten, glücklicherweise harmlosen Sturz. Die leichten Hautschürfungen wurden von Guide Georg fachmännisch versorgt. Nachdem die Velos entsprechend ihren Abladeorten im Anhänger verstaut waren, wartete das Mittagessen an Bord auf uns. Um 13.30 Uhr hiess es dann: Leinen los in Richtung Lyon. Wir blickten auf einen abwechslungsreichen Velo-Tag voller Erlebnisse und Eindrücke aus dem Süden Frankreichs zurück. Auf das Kapitänsdiner mit reichhaltigem Apéro mussten wir noch etwas warten. Dafür genossen wir die herrlichen Rhône-Weingebiete vom ewig fliessenden Fluss aus.

Heimreise von Lyon nach Horw
Ankunft am Passagierhafen in Lyon Koffer packen, noch ausgiebig frühstücken und dann: AU REVOIR, Lyon! Nach vielen Eindrücken, schönen Etappen und erlebnisreichen Tagen traten wir von Lyon aus um 8.30 Uhr die Heimreise nach Horw an. Constantin, unser Fahrer, hatte uns stets zuverlässig, pünktlich und auf angenehmste Weise an unsere Ziele gefahren. Auf der Raststätte in La Côte offerierte Guide Georg als Dankeschön für die stete Pünktlichkeit und die respektvolle, angenehme Art des gemeinsamen Radelns einen eisgekühlten Rosé de Provence. Er war die optimale Wahl, um richtig Abschied zu nehmen. Denn im Gepäck hatten wir nicht nur Kleider und Reiseunterlagen, sondern vor allem viele Erinnerungen: an Flüsse, Brücken, Weinberge, Städte, Begegnungen und stille Momente auf dem Fahrrad während unserer Fluss-Genuss-Reise vom Burgund in die Provence.

